Welthandelsaussichten für das zweite Halbjahr 2023: Umgang mit Unsicherheit
Aktuelle Berichte internationaler Institutionen wie der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD) und der Welthandelsorganisation (WTO) zeichnen ein vorsichtiges Bild der globalen Handelsaussichten. Zwar deuten einzelne Indikatoren auf eine allmähliche Erholung der durch die Pandemie beeinträchtigten globalen Lieferketten hin – mit Verbesserungen bei Engpässen bei nicht lebensnotwendigen Konsumgütern und Lieferverzögerungen –, doch wird für das zweite Quartal ein verlangsamtes Wachstum des Welthandels erwartet. Die Handelsaussichten für die zweite Jahreshälfte sind wenig optimistisch; Prognosen zufolge könnte das jährliche Handelswachstum unter das bisherige Niveau fallen. Die WTO prognostiziert für 2023 ein moderates Wachstum des globalen Warenhandelsvolumens von 1,7 Prozent, deutlich weniger als der Durchschnitt der letzten zwölf Jahre von 2,6 Prozent.
Die genannten internationalen Institutionen nennen angesichts der Risiken, die den Welthandel und die Lieferketten in den kommenden Monaten beeinträchtigen könnten, gemeinsam Faktoren wie eine globale Konjunkturabschwächung, Inflation, Turbulenzen an den Finanzmärkten und geopolitische Spannungen. WTO-Generaldirektorin Ngozi Okonjo-Iweala betonte während ihrer Teilnahme am Sommerforum 2023 in Davos, dass sich die Welt verschiedene Formen der „Entkopplung und Trennung“ nicht leisten könne. Laut Schätzungen der WTO könnten langfristiger Handelsprotektionismus und Unilateralismus zu einem globalen Wirtschaftsverlust von 5 % führen, wobei Entwicklungsländer potenziell einen Verlust von 12 % bis 14 % erleiden könnten.
Vor diesem Hintergrund gibt es jedoch einen Hoffnungsschimmer aus Südkorea. Am 1. Juli veröffentlichte das Ministerium für Handel, Industrie und Energie Daten, die einen Handelsüberschuss von 1,13 Milliarden US-Dollar im Juni belegen – den ersten monatlichen Überschuss seit Februar 2022. Von März 2022 bis Mai 2023 verzeichnete Südkorea 15 Monate in Folge ein Handelsdefizit. Statistiken zeigen, dass Südkoreas Exporte im Juni 54,24 Milliarden US-Dollar betrugen, ein Rückgang von 6,0 % gegenüber dem Vorjahresmonat. Die Importe erreichten im Juni 53,11 Milliarden US-Dollar, was einem Rückgang von 11,7 % gegenüber dem Vorjahr entspricht.
Im Bereich des internationalen Handels dienen die Handelsdaten Südkoreas als Frühindikator für die Weltwirtschaft und haben dem Land den Beinamen „Kanarienvogel im Kohlebergwerk“ eingebracht. Darüber hinaus fungieren Südkoreas Exporte, die sich hauptsächlich aus Schlüsselprodukten wie Halbleitern, Displays und raffiniertem Öl zusammensetzen, als wichtiges Barometer für die globale Wirtschafts- und Technologienachfrage.
Dennoch gibt es unterschiedliche Interpretationen darüber, ob sich der Nachfragerückgang nach südkoreanischen Waren abgeschwächt hat. Insbesondere im Hinblick auf Juli und August, die traditionell nicht zu den umsatzstärksten Monaten zählen, bleibt es ungewiss, ob der Exportrückgang seinen Tiefpunkt erreicht hat. Moon Junghiu, Ökonom bei der Bank von Korea, merkt an, dass die Exporte zwar stabilisieren oder ihren Tiefpunkt erreichen könnten, die entscheidendere Frage jedoch ist, ob die Erholung einem V- oder einem L-förmigen Verlauf folgen wird.
Roger, ein Experte der Speditionsbranche mit langjähriger Erfahrung in Kalifornien, prognostiziert, dass sich die Importmengen in den USA ab dem dritten Quartal allmählich von ihrem derzeitigen Tiefstand erholen werden. Chris Rogers, Leiter der Supply-Chain-Forschung bei S&P Global Market Intelligence, bestätigt, dass sich die Lieferketten hinsichtlich Aktivität, Lagerbeständen und Saisonalität nahezu normalisiert haben. Er warnt jedoch vor Unsicherheiten bezüglich staatlicher Maßnahmen und physischer Risiken, insbesondere im Hinblick auf die langfristigen Umstrukturierungspläne der Unternehmen in der zweiten Jahreshälfte 2023.
Insgesamt erholten sich die Versandmengen und -muster im ersten Halbjahr 2023 und näherten sich scheinbar wieder dem historischen Niveau. Im Mai gingen die US-amerikanischen Container-Seefrachtimporte im Vergleich zum Vorjahr um 27 % zurück; dieser Wert lag jedoch nur 2 % über dem Durchschnitt der gleichen Monate von 2016 bis 2019, also vor der Pandemie. Aus Sicht der Lagerbestände übertrafen die Lagerbestände im verarbeitenden Gewerbe den Durchschnitt des ersten Quartals 2023 leicht, während die Lagerbestände an Fertigwaren ein Gleichgewicht erreichten. Die Finanzdaten zeigen, dass das Verhältnis von Lagerbestand zu Umsatz bei Fast-Fashion-Unternehmen dem Niveau vor der Pandemie entspricht, wohingegen Anbieter von Haushaltsgeräten, Baustoffhändler und Hersteller von Elektronikprodukten weiterhin mit hohen Lagerbeständen zu kämpfen haben. Dies spiegelt eher eine schwache Nachfrage als einen neuen, vorsichtigen Managementansatz wider.
Zusammenfassend lässt sich anhand der genannten Berichte und Datenanalysen feststellen, dass der Welthandel und die globalen Lieferketten trotz der allmählichen Erholung der Weltwirtschaft von den Auswirkungen der Pandemie weiterhin erheblichen Unsicherheiten und Risiken ausgesetzt sind. Südkoreas monatlicher Handelsüberschuss im Juni deutet jedoch auf eine schrittweise wirtschaftliche Erholung in bestimmten Sektoren hin. Zukünftig sind konzertierte Anstrengungen und eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Regierungen und Unternehmen weltweit notwendig, um individuelle Interessen zu schützen und gleichzeitig Stabilität und nachhaltige Entwicklung in der Weltwirtschaft zu fördern.
Veröffentlichungsdatum: 10. Juli 2023


